Zwei Leben

Markus C. Mueller, vom Unternehmer zum Europa-Chef Blackberry und zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter. © Adrian Moser

Ständig auf Achse, Stress: Markus C. Müller war Europachef bei Blackberry. Dann stieg er aus dem Manageralltag aus, wurde Hospizbegleiter. Heute leitet er ein Start-up, das pflegende Angehörige unterstützen will. Über einen Manager, der sein privates und unternehmerisches Ich in Einklang gebracht hat – und für den Werte bei der Unternehmensführung eine bedeutende Rolle spielen.

Von Hendrik Bensch

Als Markus Müller merkt, dass er sich selbst fremd geworden ist, sitzt er auf der Rückbank einer Limousine. Der damalige Europachef des Handyherstellers Blackberry ist gerade ins Auto eingestiegen. Sein Chauffeur hatte ihm nicht die Tür aufgehalten – und Müller damit in Rage versetzt. „Im gleichen Moment ist mir aufgefallen, was für eine lächerliche Reaktion das ist“, sagt er heute. „Und dass ich nicht so ein Mensch sein will, der sich darüber aufregt.“

Markus Müller im Jahr 2014, das ist ein Topmanager auf Hochtouren. Blackberry-Chef John Chen hatte den Wandel vom Hardware- zum Software-Konzern ausgerufen. Müller sollte den Umschwung in Europa voranbringen – der größte Markt für Blackberry mit einem Umsatz von einer Milliarde US-Dollar und 3.000 Mitarbeitern. Der Manager ist ständig auf Achse, fast jeden Tag steht ein Flug auf dem Programm.

Als er eines Tages mal wieder an einem Flughafen wartet, greift er in einem Geschäft nach einem Buch. Es wird ihm den letzten Schubser versetzen, um sein Leben in eine andere Bahn zu lenken: „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ heißt es. Darin berichtet eine Palliativpflegerin, was ihr Menschen am Ende ihres Lebens berichtet haben. Den Mut haben, sein eigenes Leben zu leben; den Kontakt zu Freunden aufrechterhalten – das sind unter anderem Dinge, die sie im Nachhinein gerne getan hätten. „Ich wusste, wenn ich so weitermache, werde ich dasselbe bereuen“, sagt Müller rückblickend.

Schon als er 2011 sein eigenes Software-Unternehmen ubitexx an Blackberry verkaufte und bei dem Handyhersteller ins Management einstieg, wusste er, dass er nicht ewig dort bleiben würde. „Ich hatte schon längere Zeit davor das Gefühl, dass ich zwei Leben lebe: ein geschäftliches und ein privates.“ Da war einmal der Manager, der harte Businessentscheidungen trifft – und auf der anderen Seite der Mensch, der sich viele Fragen nach dem Sinn des Lebens stellt. „Diese zwei Dinge habe ich nie vereinen können.“ Als er nun am Flughafen das Buch durchblättert, weiß er: Er will sofort etwas ändern. Also kündigt er den Job – und fängt ein neues Leben an.

Mittlerweile ist die innere Zerrissenheit verflogen, erzählt Müller, der mit seiner blonden Kurzhaarfrisur und der Brille ein wenig an den Investor und früheren TV-Juror Frank Thelen erinnert. Müller ist einer von zwei Geschäftsführern bei Nui Care, einem Münchner Start-up, das pflegende Angehörige unterstützen will. Die App des jungen Unternehmens soll Angehörigen helfen, die Aufgaben zu managen, die im Pflegealltag anfallen. In der App lassen sich Termine und Aufgaben in einen Kalender eintragen. Andere Beteiligte – etwa Geschwister, Nachbarn oder Pflegekräfte – lassen sich einbinden. Sie können sich untereinander über das Programm zu einzelnen Terminen oder Aufgaben austauschen.

Die App stellt außerdem Informationen zusammen, die den Pflegenden gerade am Anfang weiterhelfen sollen – beispielsweise Tipps zu finanziellen Leistungen, auf die sie Anspruch haben. „Viele werden über Nacht zu Pflegenden“, sagt Müller. „Sie kennen sich mit den Themen nicht aus und haben auch keine Zeit, um lange zu recherchieren.“ Die App fragt ein paar Daten zur Pflegesituation ab, etwa den Pflegegrad. Dann erhalten die Nutzer eine E-Mail mit genaueren Informationen sowie Mustertexten, mit denen sich die Leistungen beantragen lassen. Künftig sollen auch Tipps zum Umgang mit einzelnen Krankheiten, wie etwa Demenz, hinzukommen.

Dass der 46-jährige Müller jetzt im Pflegesektor aktiv ist, hat mit seiner Auszeit nach der Kündigung bei Blackberry zu tun. In dieser Zeit las er einen Artikel über Sterbebegleitung und konnte nach der Lektüre erst einmal nicht aufhören zu weinen. „Ich dachte mir: Wenn mich das Thema so sehr emotional bewegt, muss ich mir das genauer anschauen“, sagt Müller. Also machte er eine Ausbildung zum Hospizbegleiter.

Bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit bekam er immer wieder mit, dass Angehörige für ihre Mutter oder ihren Vater einen Platz im Pflegeheim suchten, obwohl sie das eigentlich nicht wollten. Die hohe Belastung ließ ihnen oft keine andere Wahl. Als Markus Müller dann zufällig die Mitgründer von Nui und ihre Idee kennenlernte, sah er die Chance, sein unternehmerisches Wesen und ein Thema, das ihn persönlich umtrieb, zusammenzubringen.

Mit Nui bewegt sich Müller nun in einem wachsenden Markt. Laut Schätzungen pflegen fast zwei Millionen Arbeitnehmer ihre Angehörigen – Tendenz steigend. Um diese Beschäftigten zu erreichen, wendet sich Nui an ihre Arbeitgeber. Die Unternehmen erhalten von dem Start-up einen Freischaltcode, den sie intern veröffentlichen. Die Beschäftigten müssen somit nicht preisgeben, dass sie einen Angehörigen pflegen. „Viele Beschäftigte wollen nicht, dass ihr Arbeitgeber das weiß“, sagt Müller. Über die App können Firmen somit auch die Beschäftigten erreichen, die nicht nach Hilfe fragen möchten.

Ende Oktober hat das Start-up sein kostenpflichtiges Angebot gestartet und kürzlich das erste Unternehmen als Kunden gewonnen. Auch mit privaten Krankenversicherungen und gesetzlichen Krankenkassen ist Müller im Gespräch. In absehbarer Zeit will Nui Up auch eine Smarthome-Lösung anbieten, an der das Start-up gerade mit einem großen deutschen Energiekonzern arbeitet. Dabei sollen Sensoren bestimmte Bewegungen und Geräusche, wie einen Sturz oder zerbrechendes Glas, in der Wohnung von Pflegebedürftigen registrieren. Mithilfe der Sensoren will Nui zudem typische Muster im Tagesablauf ermitteln – etwa wann jemand ins Bett geht und wie lange er im Bad benötigt. Gibt es später Abweichungen, sollen die Angehörigen eine Nachricht erhalten. Ende dieses Jahres sollen erste Tests starten.

Nui ist im Vergleich zu Müllers früherem Arbeitgeber natürlich wirtschaftlich noch ein Winzling. Elf Mitarbeiter hat das Start-up. Er könne nun aber viel stärker die Geschicke des Unternehmens so führen, wie er es sich vorstelle, sagt der frühere Europachef von Blackberry. „Ich kann hier eine eigene Unternehmenskultur bewusst aufbauen“, sagt der Start-up-Chef. „Und so kann ich meine Werte nicht nur im Privaten, sondern auch im Unternehmen leben.“

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Müller zunächst die Werte notiert, die ihm wichtig sind. Dann hat er sich mit jedem Mitarbeiter zusammengesetzt und besprochen, wo sie mit ihm übereinstimmen. Fünf Werte sind dabei herausgekommen: Begeisterung, Mut, Verantwortung, Vertrauen und Wachstum. Jede Woche bei Nui startet nun damit, dass die Mitarbeiter über diese Werte sprechen. Beim Meeting Montagfrüh sind sie ein fester Programmpunkt. Dabei tauschen sich die Mitarbeiter darüber aus, inwiefern sie in der vergangenen Woche die Unternehmenswerte gelebt oder auch nicht gelebt haben. Vor Kurzem etwa ging es darum, warum das Team ein bestimmtes Projektziel nicht erreicht hatte. „Wir haben festgestellt, dass manche den Wert Mut missverstanden hatten“, sagt Müller. Das Team hatte sich zeitlich übernommen. „Es ist o.k. mutig zu sein, aber ich muss dann gleichzeitig kommunizieren, dass ich mutig bin“, findet der Start-up-Manager.

Damit alle ständig auf die fünf Punkte verweisen können, hängt ein Poster mit den Werten an der Bürowand. Und Müller hofft, dass jeder der Werte immer wieder im Arbeitsalltag thematisiert wird. „Wenn ich zum Beispiel im Gespräch mit einem Kollegen das Gefühl habe, er vertraut mir gerade nicht, muss ich das ansprechen“, sagt Müller.

Er ist sich sicher, dass sich diese Unternehmenskultur positiv auf die Performance des Start-ups auswirken wird: „Wenn Menschen sich wohlfühlen und im Unternehmen ihre Werte leben können, arbeiten sie produktiver und sind innovativer – das ist ein Selbstläufer.“ Für Markus Müller fühlt es sich auf jeden Fall schon jetzt richtig an: „Früher war es so, als lebte ich in zwei Körpern, heute wie in einem.“