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Zeit für Strategie

Interview mir Dr. Christian Heitmann, Partner und Leiter Geschäftsbereich Unternehmensberatung der CURACON GmbH.

Corona und die Transformation Ihrer Organisation – Hand aufs Herz: Haben wir vor einem Jahr mit unserem Fokus auf Mindset und Innovationsmanagement eventuell den falschen Schwerpunkt gesetzt, oder wie erleben Sie als Führungspersönlichkeit den (digitalen) Umbruch auch im Lichte der Pandemie?

Nein, der Fokus auf Innovationsmanagement und digitale Transformation ist genau richtig gewesen! Die Pandemie verlangt von uns, die digitale Disruption aktiv anzunehmen. Da hat das Virus zunächst zu einer spürbaren Beschleunigung geführt, allerdings nur mit Blick auf „Quick Wins“ wie Videokonferenzen, die technisch mit relativ wenig Aufwand möglich waren. Das ist aber nur ein Bruchteil dessen, was wir bei Transformation Leader mit digitaler Disruption verbinden. Immerhin sank in der Pandemie die Hemmschwelle, digitale Innovationen umzusetzen. Wir müssen jetzt dranbleiben und die komplexeren Themen angehen wie digitale Patientensicherheit oder digitale Workflowsteuerung. Homeoffice ist auch im Krankenhaus in bestimmten Bereichen möglich, zum Beispiel in der Verwaltung, aber auch im Medizincontrolling. Das erfordert aber wiederum digitale Patientenakten. Digitalisierte Prozesse erleichtern die Arbeitsteilung. Da sind aber weit weniger als zehn Prozent der Krankenhäuser in Deutschland auf dem aktuellen Stand. Immerhin setzt die Politik die richtigen Akzente und fördert mit dem Krankenhauszukunftsgesetz Innovation und Digitalisierung.

Agilität, Innovationsfähigkeit, Leadership, Patient Journey: Wie haben Digitalisierung und Pandemie Ihre Organisation in den vergangenen zwölf Monaten ganz konkret verändert?

Bei Curacon konnten wir dank vollständig digitalisierter Prozesse von einem Tag auf den anderen zu 100 Prozent auf Homeoffice umzustellen. Alle unsere Prüfungsmandate in der Wirtschaftsprüfung konnten wir fortsetzen, wir mussten nicht eine Prüfung verschieben. Auch in der Unternehmensberatung ging es im virtuellen Setting nahezu friktionslos weiter, nur wenige Projekte mussten wir unterbrechen, weil Begehungen nicht stattfinden konnten. Unsere Kunden wiederum, die Krankenhäuser, waren durch Umorganisationen aufgrund von Corona unheimlich belastet. Über acht Wochen hinweg wurden Beratungsaufträge verschoben. Im Bereich der Sozialwirtschaft wiederum ging alles weitgehend normal weiter. In den Sommermonaten, nachdem man die erste Welle überstanden hatte, rückten in zahlreichen Kliniken wieder die strategischen Fragen in den Mittelpunkt: Verbundbildung, Restrukturierung, Fusion. Hier sind Anfragen und Beratungsbedarf exorbitant gestiegen. Wir merken nun in der zweiten Welle, dass diese Fragestellungen nun nicht mehr angehalten werden. Die Umstellung von Normal- auf Covid-Betrieb läuft in den Krankenhäusern jetzt routinierter, sodass das Management sich auch weiter strategischen Fragen widmen kann.

Inwiefern ist die Sozialwirtschaft für die neue digitale und postendemische Welt gerüstet?

So wie die Gesundheitswirtschaft der übrigen Realwirtschaft in puncto Innovationsmanagement und Digitalisierung zehn Jahre hinterherhinkt, liegt die Sozialwirtschaft zehn Jahre hinter der Gesundheitswirtschaft. Trotzdem erleben auch Seniorenheime, Pflegeeinrichtungen und Unternehmen der Behinderten- und Jugendhilfe eine digitale Transformation. Sicher, in einigen Punkten ist die Sozialwirtschaft auch weiter. So gibt es in Altenheimen kaum noch umfangreiche Papierakten. Aber die Dokumentation von Patientendaten ist in der Langzeitpflege auch nicht so komplex wie im Akut-Krankenhaus. Vor allem in der digitalen Workflowsteuerung, aber auch im Controlling hinkt die Altenhilfe noch weit hinterher. Da sind Krankenhäuser viel weiter. Wo in sämtlichen Sektoren noch viel Luft nach oben besteht: Digitale Pflegehilfen, Instrumente mit Sensorik oder Sturzmatten, die den Weg bereiten können von der Regelpflege hin zur anlassbezogenen Pflege. Das gilt auch für den Bildungsbereich. Kaum eine Einrichtung verfügt über digitale Lernmanagementsysteme und digitale Wissensplattformen wie zum Beispiel TUTOOLIO sie anbietet. Oftmals fehlen auch schlicht die technischen Voraussetzungen dafür. Das gilt auch für Telehealth. Hier könnte ein Bindeglied zwischen Krankenhaus und Altenpflege entstehen. Der Arzt muss nicht mehr so oft selbst physisch ins Altenheim fahren. Das ist unter Covid-Bedingungen letztlich sogar gefährlich, vor allem aber unnütz. Die teuerste Arbeitskraft verbringt einen großen Teil ihrer Zeit auf der Straße.


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