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„Wir lieben Nerds“

Die Gentechnik verändert das Gesundheitswesen. Andrew Adams, Chief Scientific Officer of RNA Therapeutics beim Pharmakoonzern Eli Lilly, gibt einen Ausblick auf die Transformation der Pharmaindustrie.

Interview: Dr. Stephan Balling

Dr. Adams, welche Rolle werden RNA-Therapien künftig für Lilly spielen?

Wenn die Geschwindigkeit der Zulassungen der vergangenen Jahre anhält, dann werden RNA-Therapien eine breite Anwendung in der Medizin finden. Lilly möchte Teil sein dieser Transformation der Medizin. Wir haben dazu in einige Unternehmen investiert wie auch in unsere internen Forschungskapazitäten.

Wird der traditionell auf Chemie basierende Ansatz in der Pharmaindustrie insgesamt und insbesondere bei Lilly an Bedeutung verlieren?

Lilly hat eine traditionsreiche Geschichte im Bereich der kleinmolekularen Chemie. Aber wir wollen vorne dabei sein bei Innovation und Wandel in unserer Industrie. Als wissenschaftlicher Apparat müssen wir flexibel sein, wenn es um Gen-, RNA- oder Stammzelltherapien geht. In den vergangenen Jahren haben wir in diese transformationellen Technologien investiert und werden mehr in diese Bereiche investieren. Für einen an Typ-1-Diabetes erkrankten Menschen klingt es doch sehr vielversprechend, eine künstliche Pankreas zu bekommen, um die Insulininfusion kontinuierlich an die gemessenen Insulinspiegel angepasst zu bekommen, anstatt stündlich sich selbst Insulin spritzen zu müssen.

Lilly arbeitet gerade an einem Open-Loop- und einem Closed-Loop-System für die Insulinverabreichung. Ist das am Ende nur eine Zwischeninnovation?

Wir arbeiten an sehr komplexen Krankheiten und Problemen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es die eine Lösung gibt, ist gering. Unsere Strategie liegt darin, auf verschiedene Technologien zur selben Zeit zu setzen. Open- und Closed-Loop-Lösungen sind viel näher am klinischen Einsatz als Zelltherapien. Aber die Chancen einer implantierbaren Zelltherapie sind gewaltig: Das Leben von Erkrankten könnte fast vollständig normal werden.

Wie funktioniert eine RNA-Therapie im Vergleich zu einer DNA- oder Gen-Therapie?

Bei einer RNA-Therapie werden Gencodes für eine Dauer von drei bis sechs Monaten verändert. Das kann für die Behandlung einiger Krankheiten sehr sinnvoll sein. Gentherapien können künftig zum Beispiel bei aggressiven neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer Anwendung finden. Für kardioväskulare Krankheiten hingegen, die vielfältiger und komplexer sind gerade mit Blick auf die Ursachen, können RNA-Therapien der richtige Weg sein.

Woran arbeiten Sie bei Lilly, auf welche Erkrankungen zielen Sie?

Wir fokussieren uns derzeit auf neurogenerative Krankheiten, Diabetes und kardiometabolische Erkrankungen sowie Immunologie.

Sie bleiben also mit den neuen Methoden in den Krankheitsbereichen, die Lilly traditionell adressiert?

Ja, aber wir gehen auch darüber hinaus. Für Krankheitsbilder, die unseren traditionellen Schwerpunkten ähneln und für deren Behandlung RNA-Therapien eine sinnvolle Möglichkeit sein können, werden wir selbstverständlich auch prüfen, ob wir Therapiemöglichkeiten erforschen können.

Wann kommt das erste Medikament auf Basis einer RNA-Therapie von Lilly auf den Markt?

Das lässt sich noch nicht präzise sagen. Die Herausforderung besteht darin, dass gerade bei den Erkrankungen, in denen Lilly bisher stark ist, oftmals lange Outcome-Studien erforderlich sind. Bei kardiovaskulären Erkrankungen etwa sind Studien über die Wirkung von Wirkstoffen erforderlich, die mindestens drei bis fünf Jahre dauern.

Wie lange befasst sich Lilly bereits mit dem Thema RNA-Therapien?

Lilly war eine der ersten Firmen, die in den Bereich RNA investiert haben, das war vor rund zehn Jahren. Damals war die Technologie noch nicht so weit, damit die Therapien in der Klinik anwendbar waren. Sie durchlief den typischen Zyklus zwischen Hype und Scheitern. Jetzt sind wir aber an einem Punkt, wo es belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse und klinische Erfolge gibt. Denken Sie an das Medikament Spinraza zur Behandlung der genetisch bedingten Erkrankung namens spinale Muskelatrophie (SMA) des Herstellers Biogen. Das ist ein großer Erfolg.

Die Kosten dieser Behandlung liegen in Millionenhöhe. Warum sind RNA-Therapien so teuer?

Was man sieht, ist immer nur die Spitze des Eisbergs, das erfolgreiche Produkt. Was zu oft nicht gesehen wird, sind die vielen Versuche, die vielen Ansätze für innovative Therapien, die scheitern und zu hohen Kosten führen, gerade bei innovativen neuen Therapien. Lilly hat sich aber öffentlich dazu bekannt, dass wir uns an der Debatte über die Kosten des Gesundheitssystems beteiligen, insbesondere in den USA.

Das heißt aber unterm Strich, die Kosten für neue Medikamente werden künftig immer weiter steigen?

Nicht zwingend. Denken Sie an die ersten Medikamente, die auf Antikörpern basierten. Die waren damals auch unfassbar teuer. Am Ende haben wir einen Markt, und wenn eine wachsende Zahl von Firmen neue Technologien beherrscht, intensiviert sich der Wettbewerb und die Preise fangen wieder an zu sinken.

Viele neue biotechnologische Therapien werden in jungen Firmen entwickelt, Start-ups. Welche Strategie verfolgt Lilly? Die Beteiligung an solchen Unternehmen, vielleicht deren Übernahme oder den Aufbau interner Einheiten, um selbst solche Mittel zu entwickeln?

Beides ist nötig. Interne Forschung ist unabdingbar, denn ohne diese ist externe Forschung nicht möglich. Wie soll man wissen, ob eine Investition sinnvoll ist, wenn man nicht das eigene Know-how hat, das zu beurteilen? Aber Lilly blickt auch auf eine erfolgreiche Geschichte interner Innovationen zurück und wird auch künftig stark in die eigene Forschung und Entwicklung investieren.

Welche Rolle spielen moderne Rechnerkapazitäten, wenn es darum geht, gentechnische Therapien zu entwickeln?

Die sind absolut entscheidend. Am Standort Boston haben wir ein eigenes Team von Bioinformatikern. Bei der Entwicklung dieser Medikamente geht es vor allem darum, die richtigen Gensequenzen zu finden. Und die lassen sich mittels Algorithmen identifizieren. Wer nicht die besten Algorithmen hat, wird nicht die besten Medikamente haben. Deshalb investieren wir stark in diesen Bereich, in die Rechnerkapazitäten und die Fachleute.

Sie suchen also auch Computernerds?

Ja, bei Lilly lieben wir Computernerds. Unser Standort in Boston ist in unmittelbarer Nähe zum MIT. Wir wollen die besten und klügsten Leute der Welt für uns gewinnen. Deswegen gehen wir dahin, wo die größten Talente sind. Und die sind derzeit in Boston zu finden.

Nicht in Stanford, im Silicon Valley an der Westküste?

Lilly hat auch Standorte in San Francisco und San Diego. Dort ist es aber ehrlich gesagt sehr schwer, Computerexperten zu rekrutieren. Sie konkurrieren dort mit den Internet- und IT-Firmen? Ja, dem Code ist es egal, ob es um medizinische Fragen oder Googles nächsten Algorithmus geht. In Boston ist der Vorteil vor allem auch, dass dort viele Leute bereits einen Bezug zur Biomedizin haben, denken Sie an das Broad Institute of MIT and Harvard. Diese Personen wollen lieber für eine Firma wie Lilly aus dem Gesundheitswesen arbeiten als für eine IT-Firma.

Sie sind selbst Informatiker?

Ich selbst habe viel Zeit mit Programmieren verbracht, das ist der beste Teil meiner Arbeit. Aber ich habe in Zoologie promoviert, danach noch einen MBA-Abschluss erworben. Man nimmt immer etwas auf, wenn man unterwegs ist.

Andrew Adams ist Chief Scientific Officer of RNA Therapeutics.