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Smart City Bad Hersfeld: Schritt für Schritt in die Digitalisierung

Sensoren, die freie Parkplätze erfassen; eine öffentliche Straßenbeleuchtung, die sich per App anschalten lässt; Geschwindigkeitsanzeigen, die Daten für das kommende städtische Verkehrskonzept erfassen. Bad Hersfeld hat zwar nur 30.000 Einwohner, ist aber bei der Digitalisierung weit vorn – und das auch als Experimentierfeld für Unternehmen. Das Erfolgsrezept: in Trippelschritten Projekte entwickeln.

von Hendrik Bensch

Thomas Fehling weiß, wie man produktiv mit Fehlern umgeht. Als der Bürgermeister von Bad Hersfeld im vergangenen Jahr erfährt, dass auf einem Gebührenbescheid der Stadt keine IBAN für die Überweisung angegeben ist, muss er zunächst den Kopf schütteln. Den Diplom-Wirtschaftsinformatiker und früheren IT-Manager treibt jedoch ständig das Thema Digitalisierung um. Und so kommt ihm eine Idee: Er zückt sein Smartphone, öffnet die App seiner Bank und stellt fest: Der Bescheid ist bisher nicht so angelegt, dass man eine Fotoüberweisung machen kann. „Da ist mir aufgegangen, was für ein immenses Vereinfachungspotenzial in dem ganzen Prozess steckt“, sagt Fehling. Dank Fotoüberweisung müssen Bad Hersfelder die Informationen künftig auf dem Bescheid nicht mehr abtippen, Fehler beim Eingeben werden dadurch vermieden. Bürgermeister Fehling hat sich zudem den gesamten Prozess zum Erstellen des Gebührenbescheids angeschaut und gemerkt: Auch dabei lassen sich noch eine Menge Schritte digitalisieren und somit vereinfachen. Die fotoüberweisungsfähigen Gebührenbescheide und der neue digitale Prozess sind ein weiterer Baustein dafür, die Bad Hersfelder Verwaltung wieder einen Schritt digitaler zu machen. Die Stadt im Nordosten Hessens hat gerade einmal rund 30.000 Einwohner. Beim Thema Digitalisierung ist die Stadt aber bundesweit ganz vorn dabei. Als eine der ersten Kommunen in Deutschland hatte Bad Hersfeld einen digitalen Rechnungsworkflow eingeführt. Schon seit mehreren Jahren bietet die Stadt zudem alle möglichen digitalen Dienstleistungen in seinem „Rathaus online“ an: Die Bürger können vom Personalausweis bis zum Gewerbeschein alles online beantragen, seit Kurzem können auch Bauanträge online eingereicht werden.

Und auch einige Smart-City-Projekte laufen bereits seit mehreren Jahren. In der Innenstadt gibt es ein vernetztes Parksystem, bei dem Sensoren freie Parkplätze erkennen. Die Daten fließen in die Anzeigen des Parkleitsystems am Straßenrand. Per App lässt sich nachts in einem Teil der Stadt für den Nachhauseweg die Straßenbeleuchtung anstellen. Mithilfe einer anderen App konnten Bürger die Lärmbelastung im Vorfeld des Ausbaus der umliegenden Autobahn A4 messen. Zusammen mit weiteren Daten zeigte sich: Die Lärmbelastung war höher, als die Planungsbehörden berechnet hatten. Mithilfe der Daten konnte die Stadt unter anderem höhere Lärmschutzwände und Flüsterasphalt durchsetzen. „So wie hierbei steht bei unseren Digitalisierungsprojekten immer der Bürgernutzen im Fokus“, sagt Fehling.

Er hat Bad Hersfeld als „Living Lab“ positioniert – als Stadt, in der Unternehmen bei Pilotprojekten experimentieren können. So wurde etwa das Parkleitsystem zunächst in Bad Hersfeld getestet und weiterentwickelt, mittlerweile ist es auch im Silicon Valley in Betrieb. Paketdienstleister DHL wiederum hat in der hessischen Stadt einen Zustellroboter testweise rollen lassen. Als Nächstes wird voraussichtlich ein Mobilitätsanbieter seine autonomen, elektrisch angetriebenen Fahrzeuge für zwei Passagiere in Bad Hersfeld ausprobieren.

Das Cockpit des „Living Lab“ der Smart City Bad Hersfeld.

Um die Digitalisierung in der eigenen Verwaltung weiter voranzubringen, hat Bad Hersfeld vor einigen Jahren die Vergaberichtlinien geändert. Wenn jemand für die Stadt ein neues Wirtschaftsgut anschaffen will, muss er prüfen, ob es internetfähig ist. Damit will die Stadt sicherstellen, dass sich die Daten, die die Geräte sammeln, leichter zusammenführen und auswerten lassen. Ein Beispiel dafür, wie sich das ausgezahlt hat, sind die Geschwindigkeitsanzeigen, die die Stadt vor ein paar Jahren gekauft hat. Sie zeigen Auto- und Lastwagenfahrern nicht nur an, ob sie zu schnell fahren. Mithilfe ihrer Sensoren liefern sie auch laufend weitere Daten: Sie ermitteln, wie viele Fahrzeuge welcher Fahrzeugkategorie zu welcher Uhrzeit mit welcher Lautstärke durch die Straße fahren.

Nachdem sich mithilfe der Displays an einzelnen Orten zeigen ließ, wie stark die Lärmbelastung war und wie viele Fahrzeuge zu schnell fuhren, wurden weitere aufgestellt. „So haben wir ein Sensoren-Netzwerk aufgebaut, mit dem wir laufend Daten sammeln können“, sagt Fehling. Und diese Informationen sollen künftig unter anderem dabei helfen, das neue Verkehrskonzept für Bad Hersfeld zu entwickeln.

Die Geschwindigkeitsanzeigen verdeutlichen überdies, wie Bad Hersfeld grundsätzlich bei Digitalisierungsprojekten vorgeht: Zunächst startet ein Pilotprojekt, verläuft es erfolgreich, wird es ausgebaut. Kleine Schritte statt großer Masterplan – dieser Ansatz hat viel mit Thomas Fehlings Erfahrungen in der IT-Branche zu tun. „Ich habe immer wieder gesehen, dass Projekte zu groß aufgesetzt wurden und von Anfang an jeder Sonderfall berücksichtigt werden sollte.“ Doch immer wieder scheiterten einige dieser Projekte. „Stattdessen sollte man lieber in kleinen Schritten vorangehen und dann gegebenenfalls nachsteuern.“ Zwar brauche eine Kommune auch eine Digitalstrategie, gleichzeitig benötige man aber Raum zum Experimentieren. „Die guten Projekte werden dann schon von ganz alleine größer“, sagt Fehling.

Der Ansatz sei auch mit Blick auf die Finanzierung von Digitalprojekten sinnvoll. Für Investitionen in kleine Pilotprojekte, wie etwa den Kauf von Sensoren, ließe sich bei einem 80-Millionen-Euro-Haushalt immer ein niedriger vierstelliger Betrag finden. Wenn es erfolgreich verlaufe, werde im nächsten Schritt ein Budget für ein größeres Projekt aufgestellt. „Auf diese Weise zieht dann auch die Politik eher mit“, sagt Fehling. Und die Investitionen zahlen sich auch immer mal wieder aus. So kamen die Bad Hersfelder beispielsweise durch die Installation von Smart Metern einem Energiefresser in einem Museum auf die Spur. Mitten in der Nacht fingen Lüftung und Heizung plötzlich an auf Hochtouren zu arbeiten, weil die Lüftung nicht richtig eingestellt war. Dank des kleinen Datenhelfers spart die Stadt jetzt mehr als 1.000 Euro pro Monat an Kosten ein. Wieder ein kleiner Schritt in Richtung digitalem Nutzen für die Bürger.


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