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Recare revolutioniert die Gesundheitsbranche

Maximilian Greschke, CEO von Recare Deutschland GmbH (c) Jennifer Adler/Rabe

Maximilian Greschkes Start-up hat eine außergewöhnliche Wandlung hinter sich. Doch die komplette Abkehr vom alten Geschäftsmodell hat sich für Recare Solutions gelohnt. 

Von Melanie Croyé

Es ist eine echte Erfolgsgeschichte: In gerade mal drei Jahren ist es Maximilian Greschke mit seinem Start-up Recare Solutions gelungen, einen Teil der Gesundheitsbranche mithilfe der Digitalisierung zu revolutionieren. Doch das hätte auch anders laufen können, denn angetreten ist der Gründer im Jahr 2015 mit einer ganz anderen Idee: einer Vermittlungsplattform für Pflegekräfte. Als diese nur schleppend anlief und sich ihm eine andere, spannende Gelegenheit bot, ging der damals 26-Jährige einen mutigen Schritt und gestaltete sein Unternehmen von Grund auf neu: Aus Veyo Care wurde Recare, eine Plattform für Entlassungsmanagement. Der Grundstein für seine Erfolgsgeschichte war gelegt.

Nicht immer geht eine Idee genau so auf, wie sie geplant war. Start-ups gelten zwar als deutlich schneller und agiler als gestandene Unternehmen, den Silicon-Valley-Glaubenssatz des „Fail fast“ gut umzusetzen ist trotzdem eine Herausforderung. Mehr als 80 Prozent aller Start-ups scheitern noch in den ersten drei Jahren, manche Quellen gehen auch von 90 Prozent oder mehr aus. Manchmal liegt es am Geschäftsmodell, manchmal am Team und manchmal war die Zeit noch nicht reif für das Produkt. Sich das einzugestehen und rechtzeitig die Notbremse zu ziehen erfordert Kühnheit und Überzeugung. „Es war schon ein mutiger Schritt, das Geschäftsmodell ohne Rücksicht auf Verluste zu drehen“, gibt auch  Greschke zu.

Dabei war es eigentlich eine gute Idee, mit der Veyo Care 2015 gestartet ist: Selbstständige Pflegekräfte an Haushalte vermitteln, die kurzfristig Hilfe bei der Pflege ihrer Angehörigen brauchen. Dass es Bedarf dafür gab, wusste Greschke nicht zuletzt von seiner eigenen Familie. Seine Frau ist Assistenzärztin, die Schwiegermutter war damals Pflegedienstleiterin. Ähnlich wie bei Babysitter- oder Putzhilfe-Plattformen krankte das Geschäftsmodell aber schnell. Die ungelernten Hilfskräfte erhielten so viele Angebote, dass sie es sich leisten konnten, mit ihren Auftraggebern private Absprachen zu treffen – und die Plattform mit ihrem Kommissionsmodell zu umgehen. Hinzu kamen Probleme mit drohender Scheinselbstständigkeit der Hilfskräfte, die oft für nur einen Kunden tätig waren. „Wir hätten die Leute anstellen können, aber genau das wollten wir nicht. Wir wollten keinen riesigen Betreuungsdienst aufbauen, sondern mithilfe von Technologie ein Problem lösen“, erklärt Maximilian Greschke.  

Ein solches Problem, das es zu lösen gilt, hat Greschke dann im Herbst 2016 fast zufällig gefunden. Auf einer Veranstaltung kam er ins Gespräch mit einer jungen, pragmatischen Krankenhausgeschäftsführerin aus Siegburg. Die erzählte ihm, dass Krankenhäuser mit der für Oktober 2017 geplanten Einführung eines neuen Rahmenvertrags „Entlassmanagement“ verpflichtet würden, sich bereits während des Krankenhausaufenthaltes um die Patientennachsorge zu kümmern. Sie äußerte ihre Bedenken und erklärte, wie schwierig es werden würde, das umzusetzen. Zu groß seien die bürokratischen Hürden, zu schlecht die technische Ausstattung vieler Kliniken. Gemeinsam überlegten sie eine Lösung für dieses Problem – und die Idee von Recare Solutions war geboren. 

Doch noch war Greschke ja in einem ganz anderen Bereich tätig, da lief es ganz okay und Veyo Care hatte noch genug Geldmittel, das Geschäft ein halbes Jahr weiter auszubauen. „Wir hätten bestimmt ein kleines Business daraus machen können, aber es war klar, dass es nicht so groß wird, wie wir das wollten.“ Also besprach sich Greschke mit seinen Mitgründern, überlegte hin und her, bis sie schließlich drei Tage vor Weihnachten beschlossen: Ab Januar geben wir Vollgas auf die neue Idee. Veyo Care bestand zu dem Zeitpunkt aus sieben Mitarbeitern, zwei davon Praktikanten. Alle waren an Bord, den neuen Plan zum Erfolg zu bringen. „Sie haben voll mitgezogen“, sagt Greschke. Was ihn besonders freut: Aus diesem Kernteam sind bis heute fast alle noch bei Recare beschäftigt.

In Windeseile erschufen sie einen Prototyp, mit dem sie schon im März 2017 den zweiten Preis beim Start-up-Wettbewerb auf einem großen nationalen Krankenhauskongress gewannen. Die Cloud-basierte Tech-Plattform von Recare kann über jeden Internetbrowser bedient werden und ermöglicht so eine einfache und schnelle Vermittlung von Patienten an andere Einrichtungen. Schon im Juni ging die Plattform mit dem ersten Krankenhaus und etwa hundert regionalen Pflegediensten und Pflegeheimen live. Die erste Kundin war die Geschäftsführerin aus Siegburg, die den Stein zuvor ins Rollen gebracht hatte. 


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Heute verknüpft Recare 180 Akutkrankenhäuser mit 12.000 Pflegeeinrichtungen und deckt damit etwa 40 Prozent des deutschen Marktes ab. Zudem ermöglicht Recare eine komplett verschlüsselte Übertragung von Patientendaten und so einen anonymen Austausch unter dem Fachpersonal. Über Umsatz und Gewinn schweigt das Unternehmen, bekannt ist jedoch, wie viel Geld von branchenbekannten Investoren wie dem Stuttgarter Medienunternehmen Thieme in das Start-up floss: 3,5 Millionen Euro.

Doch Greschke reicht das noch nicht. Recare hat seine Dienstleistungen kürzlich erweitert und managt nicht mehr nur Entlassungen in die Pflege, sondern auch beispielsweise Anschlussbehandlungen in Rehakliniken oder Krankenhausverlegungen. Als weiterer Schritt sollen nun bald noch Krankenbeförderungen dazukommen. Zudem hat das Start-up inzwischen Fuß in Frankreich gefasst und plant, auch in andere Länder zu expandieren. „Meine Vision ist, dass in Zukunft sämtliche Versorgungsleistungen in einem einheitlichen, konsistenten Prozess gesteuert werden können“, sagt Maximilian Greschke. 

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat die Recare-Plattform noch einen weiteren Nutzwert bekommen: Im Cluster „Corona West“ haben sich 17 Kliniken in Westbrandenburg zusammengeschlossen, um Versorgungsplätze für Intensivpatienten automatisiert zu steuern. Hauptziele bei diesem Projekt seien gewesen,  die Funktionsfähigkeit des zentralen Schwerpunktversorgers in der Pandemie „möglichst lange und umfänglich“ aufrechtzuerhalten und die Anzahl der Verlegungen zwischen Krankenhäusern gering zu halten, um die bestehenden Transportkapazitäten zu schonen, erklärte Christian Pellehn Ende Mai 2020 im täglichen Corona-Talk „ZENO to go“ . Der Referent der Geschäftsführung des Klinikums Brandenburg und Leiter der Koordinierungsstelle VCC-West lobte die Onlineplattform von Recare: „Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir die digitale Plattform nutzen können.“

Nicht nur in Brandenburg, auch in einigen Kliniken in Paris ist die Software zum Einsatz gekommen. Greschke ist überzeugt: Mit einer Plattform wie seiner könnte man Leerstände und Überbelegung viel einfacher managen – ohne dass einzelne Menschen den ganzen Tag am Telefon hängen und alle Einrichtungen abtelefonieren müssen. „Wenn man ein stabiles Gesundheitswesen haben möchte, muss es die Möglichkeit geben, transparent Kapazitäten zu schaffen. Das hat uns die Corona-Krise gezeigt“, so Greschke. 

Greschke ist weit gekommen, mit Recare will er einen echten Mehrwert schaffen, für Patienten, Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Veyo Care trauert er nicht nach. „Es war ein Teil des Weges, aber das Umfeld hat nicht gestimmt. Was wir jetzt machen, ist genau richtig.“