Nurses for Captain

Erst seit kurzem führt Prof. Dr. James Young den Titel „Chief Academic Officer“ und ist somit Mitglied des Vorstandes der Cleveland Clinic. Zuvor war der Mediziner von 2009 bis 2018 Dekan des Cleveland Clinic Lerner College of Medicine of Case Western Reserve University, der krankenhauseigenen medizinischen Fakultät. In diesen Jahren war er auch Vorsitzender des Instituts für Endokrinologie und Stoffwechsel. Dr. Young kam 1995 an die Cleveland Clinic, wo er zunächst die Abteilung für Herzinsuffizienz und Herztransplantationsmedizin leitete. 1998 gründeten er und sein chirurgischer Kollege Patrick McCarthy, MD, das Kaufman-Zentrum für Herzinsuffizienz in der Cleveland Clinic. Laut seiner Biographie führte Dr. Young in seiner Karriere 150 klinische Studien durch und publizierte mehr als 550 wissenschaftliche Aufsätze und mehrere Lehrbücher.

Interview: Dr. Stephan Balling


Bevor Dr. Young das Interview beginnen kann, bleibt seine Tür geschlossen, er widmet seine ganze Aufmerksamkeit einem Patienten. Der ist aber gar nicht da. Er sitzt in Toledo, rund 180 km weiter westlich entlang der Küste des Lake Erie. Die Distanz, kein Problem, dank virtueller Sprechstunde! Telemedizin gehört längst zum Alltag an der Cleveland Clinic.

Dr. Young, was macht die Cleveland Clinic besonders?

Die Cleveland Clinic ist ein patientorientiertes, akademisches und internationales Gesundheitssystem mit vielen Standorten in Ohio und den Vereinigten Standorten, in Kanada, in Abu Dabi und wir bauen ein Krankenhaus in London auf. Wir können Patienten in allen Lagen über die gesamte Lebensspanne hinweg versorgen. Es kommt sehr, sehr selten vor, dass wir einen Patienten an eine andere Klinik verweisen müssen, damit er eine bestimmte Leistung erhält,
die wir nicht anbieten können.

Welche Rolle spielen Wissenschaft und Forschung?

Wir behandeln unsere Patienten immer auf Basis wissenschaftlicher Forschung und Ausbildung. Umgekehrt: Forschung und Ausbildung erfolgen auf Basis der Patientenversorgung. Patientenversorgung, Forschung und Lehre formen also einen Kreislauf. Wir lernen, was wir tun müssen, nur, wenn wir studieren, was getan werden muss. An medizinischen Fakultäten in Deutschland ist oft von einem dreifachen Auftrag die Rede: Patientenversorgung, Forschung und Lehre. Daran glauben wir nicht. Eist ein Auftrag. Alles zielt darauf, den Patienten zu dienen: Krankheiten vermeiden! Ein guter Arzt hilft einem kranken Patienten, ein großartiger Arzt, verhindert, dass der Patient überhaupt krank wird und kümmert sich um die Bevölkerung.

Sie haben ein großes akademisches Institut auf Ihrem Campus hier. Welche Studiengänge bieten Sie an, welche Abschlüsse lassen sich hier erwerben?

Wir vergeben keine akademischen Grade, sondern kooperieren mit der Case Western Reserve University auf der anderen Straßenseite, beispielsweise um einen Doktorgrad in Medizin zu vergeben. Unser akademisches Institut gliedert sich in zwei medizinische Fakultäten, eine davon für Zahnmedizin, dazu kommen Pflegewissenschaft und Physician Assistants (PA, Arztassistenten, Anm. d. Red.) sowie Management. Wir haben ein sehr großes akademische Zentrum, das sich sehr stark unterscheidet von herkömmlichen Fakultäten, sowohl im Design der Studiengänge als auch in dem einen Auftrag für die Patienten.

Warum legen Sie so viel Wert darauf, neben den benachbarten Universitäten eine eigene kleine Universität auf Ihrem Campus zu haben?

Unser Institut ist einzigartig! Es ist klein, spezialisiert. Ich nenne es eine Boutique. In einem Kurs sind 32 Studenten, das Studium dauert fünf Jahre. Der Fokus liegt darauf, Ärzte für die Forschung auszubilden. Es gibt keine Prüfungen, keine Noten, keine Auszeichnungen! Der Grund: Alle Studenten sind ohnehin überdurchschnittlich gut. Und wir lehren auf eine andere Weise, die problembasiert arbeitet. Anstatt eine traditionelle Vorlesung zu halten, diskutieren wir in kleinen Gruppen Fallbeispiele. Es gibt keine Vorlesungen in Anatomie, Physiologie, Biochemie oder Genetik. Aber in die Fälle flechten wir diese Themen ein, so dass die Studenten den Lehrstoff lernen. Die Professoren sind dabei keine Experten für die Falle. Für einen kardiovaskulären Fall kann beispielsweise ein Gastroenterologe die Diskussion leiten. Die Studenten sollen selbst die Lösung finden. Die Aufgabe des Lehrers ist es, sicherzustellen, dass die Studenten in der richtigen Spur bleiben.

Kann jede Universität so arbeiten?

Wenn sie das möchte, selbstverständlich! Aber die meisten arbeiten mit dem altmodischen Prinzip des „Sage on the Stage“ (der Weise auf der Bühne). Ich glaube, dass unsere Methode besser ist, und dafür haben wir Evidenz: Erstens finden die Studenten mehr Gefallen, zweitens lernen sie schneller, drittens behalten sie die Inhalte besser, viertens, wenn sie ihre Prüfung für die ärztliche Lizenz ablegen, erzielen sie bessere Noten als der Durchschnitt.

Sie haben auf den Kreislauf fokussiert, zu dem neben Patientenversorgung und Lehre auch Forschung gehört. Welche Art von Forschung betreiben Sie hier?

Unser großes Lerner Research Institute deckt ein breites Spektrum ab, konzentriert sich aber auf vier Bereiche: kardiovaskuläre Krankheitsbilder, Krebs, Entzündungen und Neurologie.

Geht es dabei vor allem um klinische Studien, oder auch Grundlagenforschung?

Sowohl als auch, am Lerner Institute findet Grundlagenforschung statt, Molekularwissenschaft, translationale Forschung und klinische Studien. Bei vielen unserer Studien arbeiten wir übrigens mit deutschen Wissenschaftlern zusammen. Unser Fußabdruck in der Forschungswelt ist international.

„Es sind Teams und Teams von Teams, die Patienten gut versorgen.“

Wie wichtig ist es, dass Pflegekräfte eine akademische Ausbildung haben? In Deutschland ist das noch immer selten.

Ein Grund für die Partnerschaft mit der Case Western Reserve University und dafür, dass wir ein eigenes Gebäude für unser akademisches Institut haben, war, dass wir eine interprofessionelle Ausbildung schaffen wollten. Deutschland hat immer noch ein arztdominiertes System, aber das ändert sich, und es muss sich ändern. In den USA gibt es einen Mangel an Ärzten und Ärzte wissen nicht besonders gut, wie man sich um Patienten kümmert. Es sind Teams und Teams von Teams, die Patienten gut versorgen. Weil wir Ärzte, Zahnärzte und Pflegekräfte ausbilden, können wir diese Teams und die nötigen Verbindungen zwischen den Berufsgruppen schaffen. Weite Bereiche der Patientenversorgung werden in der Zukunft von Advanced Practice Nurses, Apothekern, Zahnärzten und Ärzten gemeinsam erfolgen. Derzeit ist der Käpt’n des Teams noch der Arzt. Aber innerhalb des Teams werden andere Professionen wichtiger, inklusive unterstützender Berufe wie Diabetesberater oder Physiotherapeuten. Hier an der Cleveland Clinic sprechen wir immer weniger von Ärzten, sondern mehr von Gesundheitsanbietern (original: health care provider, Anm. d. Red.), und das kann jeder sein, der für unser Krankenhaus arbeitet.

Der Arzt bleibt der Kapitän?

Derzeit ist das in weiten Teilen so, aber ich glaube, dass sich auch das ändert. Die Gesundheitsversorgung wird sich viel stärker in Richtung bevölkerungsbezogener Systeme entwickeln. In einigen Bereichen kann der Käpt´n eines Teams damit eine Pflegefachkraft, ein Physician Assistant oder ein Arzt sein. Dafür müssen wir unsere Mitarbeiter auszubilden.

Welche Arten von Forschung betreiben Sie im Bereich der Pflege?

Es geht vielfach darum, wie Gesundheitsleistungen bei Patienten ankommen. Ein großer Fokus hier liegt darauf, Mütter-
und Kindersterblichkeit zu verringern, indem sichergestellt wird, dass Schwangere eine optimale Versorgung und Vorsorge erhalten. Ein anderes Gebiet ist die Herausforderung der Opioidkrise hier in den USA. Die Abhängigkeit von Medikamenten ist überbordend, aus einer Reihe von Gründen. Vielfach geht es um Verhaltensfragen, etwa wie sich die Abhängigkeit vermeiden lässt. Der Prozess von Versorgung steht bei der Pflegeforschung im Fokus, etwa Patientensicherheit. Wie lassen sich Stürze vermeiden? Unsere Pflegeteams spielen eine entscheidende Rolle in der Qualitätssicherung für das gesamte Krankenhaus, etwa um Infektionen zu vermeiden.

Welche Rolle spielen digitale Anwendungen bei der Zusammenarbeit dieser Teams?

Die Cleveland Clinic versucht die Gesundheitsversorgung mittels ihrer Forschung und Lehre in eine hochgradig digitale Transformation zu entwickeln. Das, was uns digitale Gesundheitsdaten und elektronische Patientenakten ermöglichen, müssen wir nutzen.

Sie kennen das deutsche Gesundheitssystem, Dr. Young. Was ist in Deutschland besser als in Amerika, und umgekehrt?

In Amerika arbeiten wir besser in Teams, und da stechen wir als Cleveland Clinic nochmal heraus. Zweitens: Gesundheitsversorgung ist nicht länger ein Gladiatorkampf, in dem ich als Arzt den Dämon, die Krankheit eines individuellen Patienten bekämpfe. Es geht um Teamwork. In Deutschland gibt es großartige Teams etwa im Bereich Herztransplantationen. Wo Deutschland sich bewegen muss: Andere Professionen wie Pflegekräfte oder Apotheker müssen viel stärker akademisch ausgebildet werden. Hier in Ohio dürfen Nurse Practitioner (speziell qualifizierte Pflegefachkräfte, Anm. d. Red.) Rezepte für Medikamente ausstellen.

In Deutschland argumentieren Ärzteverbände, das erhöhe das Risiko für Patienten und führe zu mehr Fehlern in der Medikation.

Es ist riskanter und es kommt zu mehr Fehlern, wenn Ärzte Medikamente verschreiben! Entscheidend ist die richtige Ausbildung. Die beste Art, einen Diabetespatienten zu behandeln, ist mit einem Diabetesberater das ist gewöhnlich ein Nurse Practitioner, der den Patienten im Bereich Ernährung und Sport schult. Der Nurse Pracitioner besitzt eine Lizenz des Staates Ohio, ist ein Experte im Umgang mit Diabetesmedikamenten und kümmert sich primär um den Patienten. Der Arzt ist verantwortlich für eine große Gruppe von Patienten und sieht nicht jeden Patienten jeden Tag, er sieht die komplexen Fälle, zum Beispiel mit instabilem Blutzuckerspiegel.

In Deutschland ist das sehr ferne Zukunftsmusik.

Ja, aber das deutsche System muss sich ändern. Ich erinnere an Darwin: Wer sich nicht ändert, nicht anpasst, stirbt aus. Auch in Amerika haben wir große Probleme, aber wir entwickeln uns, und hier an der Cleveland Clinic sehen Sie, wie die Spezies sich entwickelt. Der Schlüssel: Als Team arbeiten, einer für alle, alle für einen, fokussiert auf die Patienten. Das zeigt unsere Organisation. Und ich sage Ihren Ärzten in Deutschland auch:

„Wer sich nicht für virtuelle Sprechstunden und Telemedizin öffnet, wird seine Daseinsbereichtigung verlieren!“

Prof. Dr. James Young mit Dr. Stephan Balling

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