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Flugsimulator für die Chirurgie

In der „Trauma Academy“ bilden sich erfahrene und angehende Chirurginnen und Chirurgen weiter.

Das Healthtech-Unternehmen Rimasys bietet eine ungewöhnliche Dienstleistung: Die Kölner brechen Knochen – und können so komplexe Frakturen für die Aus- und Weiterbildung simulieren. Ihre Kurse mit den besonderen Präparaten sind weltweit gefragt.

Von Anna Friedrich

In einem gläsernen Operationssaal stehen sich zwei Chirurgen gegenüber: Oliver Trapp und Jochen Franke. Sie bearbeiten beide jeweils eine proximale Humerusfraktur, einen komplexen Bruch des schulternahen Oberarmknochens. Während Trapp „seine“ Fraktur mit einem Nagel behandelt, wählt Franke am Tisch nebenan eine Platte. Welche OP-Methode die bessere ist, diskutieren die Chirurgen anschließend online mit ihren Zuschauerinnen und Zuschauern – Hunderten Fachkollegen aus aller Welt.

Die OP ist Teil der „World Surgery Tour“ des Kölner Unternehmens Rimasys. Das dreitägige Event ist eine Art „OP-Marathon“, mal zum Thema Schulter, mal geht es um Hüfte oder Knie. Chirurginnen und Chirurgen treten gegeneinander an und vergleichen ihr Können. Zudem gibt es Live-OPs, bei denen Mediziner die neuesten Techniken und Technologien diskutieren. Immer dabei sind die Präparate von Rimasys, die die Weiterbildung so realitätsnah wie möglich machen.

Chirurginnen und Chirurgen weltweit setzen auf die Weiterbildungen von Rimasys, denn ihre OP-Präparate sind etwas Besonderes: Die Kölner haben sich auf das Brechen von Knochen spezialisiert und können die gleiche Verletzung Hunderte Male kopieren. Ihre Präparate simulieren Verletzungen so realitätsgetreu, wie es sonst kein anderer Anbieter schafft, heißt es in Fachkreisen. Die Idee kam den Gründern Marc Ebinger, André Passon und Robert Holz im Jahr 2011. Die Biomechanik-Studenten sollten damals im Rahmen einer Projektarbeit eine komplizierte Unterarmverletzung simulieren. Das Problem: „Natürlich kann man einen Knochen mit einem Hammer demolieren, aber realitätsgetreu ist das nicht“, sagt Ebinger. Der Biomechaniker rief seinen Vater an, einen schwäbischen Ingenieur und Maschinenbauer. Er stellte sich eine Maschine vor, die Fahrradunfälle simuliert. „Verletzungen im Bereich Trauma entstehen meist durch hohe Geschwindigkeiten“, sagt Ebinger. „Etwa, wenn ein Fahrradfahrer mit 10 km/h auf seinen Arm stürzt oder ein Autofahrer mit 60 km/h auf den Airbag prallt.“ Gemeinsam mit seinem Vater entwarf er also eine Maschine, die exakt nachstellt, welche Kräfte bei so einem Unfall wirken. Nach acht Monaten Bauzeit war sie fertig und verformt nun Körperspenden auf äußerst realitätsgetreue Weise. Mithilfe der Technik der Kölner lassen sich Verletzungen von Kopf bis Fuß für zwei Bereiche simulieren: für den Bereich Trauma – also alles, was in der Unfallchirurgie zum Einsatz kommt – sowie für die Orthopädie.

Rimasys kann Hunderte Male hintereinander dieselbe Verletzung produzieren, absolut identisch. So lassen sich bei einer komplexen Ellenbogenfraktur beispielsweise zwei verschiedene OP-Methoden miteinander vergleichen – wie bei der World Surgery Tour. Der einzige Unterschied zur Realität: Es fließt kein Blut. „Das könnte man zwar sehr leicht hinzufügen, aber ohne Blut sieht man die anatomischen Strukturen einfach besser“, sagt Ebinger.

Zielgruppe sind Chirurginnen und Chirurgen auf der ganzen Welt, die dank Rimasys nicht nur ihre Kenntnisse austauschen und Methoden vergleichen, sondern die Präparate der Kölner auch für die Ausbildung nutzen können. Klassischerweise lernen angehende Chirurgen entweder im OP beim Zuschauen, in Anatomiekursen anhand von Leichenteilen, die aber meist intakt sind – also keine Gelenkbrücke oder andere Verletzungen aufweisen. Oder sie operieren Plastikknochen ohne Weichteilgewebe. Die Rimasys-Präparate haben einen Weichteilmantel und eine standardisierte Fraktur – und sind deshalb so realitätsgetreu wie nur möglich.

Auf dem Biocampus Cologne in Köln, in dem das Operationszentrum von Rimasys steht, hat das Unternehmen bis zum Ausbruch der Coronapandemie Präsenzkurse veranstaltet. Jede Woche reisten hundert Chirurgen aus der ganzen Welt an, inzwischen bietet Rimasys die Kurse auch als Onlineformat an. Der Bildungsarm des Unternehmens, die „Trauma Academy“, lehrt angehende Chirurginnen und Chirurgen unter anderem die Grundlagen der Frakturbehandlung. Hier gibt es beispielsweise ein zweitägiges Seminar zu komplexen Sprunggelenksbrüchen oder Schienbeinkopffrakturen. Eigenen Angaben zufolge ist Rimasys einer der größten Anbieter von OP-Kursen in Deutschland. Der größte Wettbewerber – die medizinische Stiftung AO Foundation – ist inzwischen strategischer Partner.

In einem gläsernen Operationssaal treten Chirurginnen und Chirurgen gegeneinander an und vergleichen ihr Können.

Mittlerweile arbeitet jede große Medizintechnikfirma weltweit mit Rimasys zusammen, sagt CEO Ebinger. Entweder nutzen sie die Präparate inhouse, oder sie schicken ihre Mediziner in das OP-Zentrum, das Rimasys an Industriepartner vermietet. Ein wichtiger Partner des Unternehmens in Deutschland sind die BG Kliniken. „Wir haben neun Akuthäuser, und jedes schult seine angehenden Unfallchirurgen bei Rimasys“, sagt Matthias Münzberg, leitender Arzt der Abteilung für interdisziplinäre Rettungs- und Notfallmedizin und Ressortleiter Medizin der BG Klinik Ludwigshafen. Seit 2017 besuchen erfahrene Assistenz- und Oberärzte der Orthopädie und Unfallchirurgie die Rimasys-Kurse. „Dort lernen sie strukturiert, wie sie komplexe Verletzungen nach Unfällen auf hohem Niveau versorgen.“

Münzberg lernte Ebinger auf einem Kongress im Jahr 2016 kennen und war sofort begeistert: „Das Produkt von Rimasys ist wie ein Flugsimulator für Piloten. Wer den Simulator beherrscht, beherrscht auch die OP.“ Die Resonanz der Chirurgen der BG-Kliniken ist eindeutig: „Der Hammer.“ Münzberg ist sich sicher: Es gibt nichts Vergleichbares in dieser Qualität auf dem Markt. Durch die Coronakrise musste Rimasys-Gründer Ebinger jedoch kreativ werden. „Ich habe immer gesagt: Unser Geschäft ist krisensicher“, sagt Ebinger. Doch durch das Virus brachen 95 Prozent des Umsatzes über Nacht weg, das schon längst profitable Unternehmen rutschte in die roten Zahlen. Eigentlich hatte Rimasys mit einem Umsatz von zwei Millionen Euro im Jahr 2020 geplant. Doch es konnten keine Präsenzkurse mehr stattfinden, Chirurgen hatten deutschlandweit Reiseverbot – sie wurden in den Krankenhäusern vor Ort gebraucht. Ebinger verzagte nicht, sondern baute sein Trainingszentrum zum Filmstudio um. Dort dreht das Rimasys-Team seitdem Lernvideos und führt Live-Operationen durch – natürlich an ihren eigenen Präparaten. Allein der erste Live-Surgery-Kongress der Kölner hatte auf Anhieb 1.200 Zuschauer.

Rimasys bietet inzwischen auch einen Onlinekongress im Computerspiel-Format an. Bei „Surgical Island“ treffen sich Chirurgen nicht persönlich, sondern als Avatare in einer virtuellen 3D-Welt. Der Rest funktioniert wie im echten Leben: Die Arzt-Avatare laufen sich im virtuellen Kongresszentrum über den Weg, tauschen sich aus und lernen voneinander.

Im Moment ist Rimasys zwar nach der Krise „noch etwas defizitär“, sagt Ebinger. Das Unternehmen habe eben viel investiert. Und die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat sich während der Coronakrise nahezu verdoppelt. Im kommenden Jahr wollen die Kölner aber die Gewinnschwelle erreichen. Wenn der Onlinekongress im Computerspielformat ähnlich gut ankommt wie die bisherigen Veranstaltungen, dürfte den schwarzen Zahlen nichts mehr im Weg stehen.

KÖRPERSPENDEN AUS DEN USA

Die Körperteile, die Rimasys für seine Präparate verwendet, kommen vor allem aus Körperspendenbanken in den USA. „Dort gibt es eine klare Vertragsstruktur“, sagt Marc Ebinger. „Wir wissen genau, wo das Körperteil herkommt, für was sich der Körperspender vertraglich zur Verfügung gestellt hat, und die Leiche ist auf Krankheiten wie HIV, Hepatitis und Covid getestet.“ Die Körperspenden in Deutschland seien vor allem für die studentische Lehre reserviert. Und: Jedes Bundesland hat ein eigenes Bestattungsgesetz, was die Sache zu komplex mache.


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