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Dr. Amazon im Anmarsch

Amazon greift nach neuen Geschäftsfeldern im Gesundheitssektor. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ein mächtiger Konkurrent heranwächst – und das nicht nur im Arzneimittelversand.

Von Hendrik Bensch

Rund 20 Jahre ist es her, dass der heutige Onlinehandelsriese Amazon das erste Mal zum Sprung ansetzte. Ende der 90er-Jahre kaufte das Unternehmen Drugstore.com, einen Onlinehändler für Gesundheitsprodukte. Es war Amazons erster Versuch, sein E-Commerce-Geschäft zum Arzneimittelversand hin auszuweiten – der aber letztlich scheiterte.

2018 dann der zweite Anlauf: Der Internetgigant kaufte für etwa eine Milliarde US-Dollar die Onlineapotheke PillPack. Das Unternehmen hat sich auf Patienten spezialisiert, die Arzneimittel auf Rezept bekommen: Die Firma stellt die Medikamente zusammen und organisiert den Versand.

Der Arzneimittelversand ist aber mittlerweile nicht mehr das einzige Geschäftsfeld, das Amazon im Blick hat. Von Krankenversicherungen bis hin zur Analyse von Patientendaten: Der E-Commerce-Riese baut Stück für Stück sein Angebot in unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens auf – und hat gute Chancen, dabei erfolgreich zu sein.

Am weitesten fortgeschritten sind Amazons Vorhaben bislang im Arzneimittelversand. Nach dem Kauf von PillPack wirbt das Unternehmen nun bei den US-Kunden seines Premiumsdienstes Amazon Prime für die Angebote seines Tochterunternehmens. Der riesige Kundenstamm ist dabei einer der größten Vorteile, um sich Marktanteile im Gesundheitssektor zu sichern: Weltweit hat der E-Commerce-Riese 300 Millionen aktive Kunden sowie 100 Millionen Prime-Kunden.

Ein nächster Schritt in den USA könnte sein, dass Amazon auch vor Ort Medikamente vertreibt, vermuten die Analysten der US-Beratungsfirma CB Insights in ihrem Report „Amazon In Healthcare: The E-Commerce Giant’s strategy for a 3 Trillion Dollar Market“. So könnte der Onlinehändler beispielsweise Verkaufsstationen in den Läden seiner Bio-Supermarktkette Whole Foods Market einrichten oder mit unabhängigen Apotheken zusammenarbeiten. Und dass der Internetriese auch in den deutschen Apothekenmarkt eindringen wird, halten Branchenexperten nur noch für eine Frage der Zeit.

Auch mithilfe seines digitalen Sprachassistenten Alexa erschließt sich das US-Unternehmen neue Geschäftsfelder im Gesundheitsbereich. So arbeitet Amazon seit vergangenem Jahr mit dem britischen Gesundheitsdienst NHS zusammen. Alexa soll künftig Patienten zum Umgang mit häufigen Krankheiten wie Migräne und Grippe beraten. Wie lässt sich eine Migräne behandeln? Was sind Symptome für Windpocken? Das sind Fragen, die der Sprachassistent anhand von NHS-Informationen beantworten soll. Großbritanniens Gesundheitsminister Matt Hancock jubilierte, dass eine Technologie wie diese „ein großartiges Beispiel“ dafür sei, wie Menschen zuverlässige Informationen einfach von zu Hause aus abrufen könnten – und so Hausärzte und Apotheker entlastet werden. Alexa nutzen auch schon andere Akteure aus dem Gesundheitswesen, wie die Mayo-Kliniken in den USA. Über den Sprachassistenten lassen sich hier beispielsweise Tipps von Mayo-Experten für einen gesunden Lebensstil abrufen.

Ob das Tech-Unternehmen irgendwann Kliniken Konkurrenz machen wird und eigene Krankenhäuser aufbaut, ist noch offen. Mit „Amazon Care“ startete das Unternehmen im Herbst aber schon einmal quasi eine virtuelle Klinik: Amazon-Mitarbeiter und Familienangehörige können sich per Chat oder Video von einem Arzt beraten lassen. Pflegekräfte können bei Bedarf zu ihnen nach Hause kommen. Ein Lieferdienst bringt verschreibungspflichtige Medikamente ins Büro oder an die Haustür.

Kurze Zeit nach dem Start von „Amazon Care“ kaufte sich der Tech-Riese technologische Verstärkung für seinen neuen Mitarbeiterservice ein: Das Start-up Health Navigator gehört seitdem zum US-Konzern. Health Navigator hat sich unter anderem auf Programme spezialisiert, die die Triage von Patienten erleichtern und die gesundheitlichen Ursachen für bestimmte Symptome einordnen sollen. Noch ist „Amazon Care“ nur als firmeninternes Angebot gedacht. Aber wer weiß: Warum sollte das Tech-Unternehmen es nicht jedermann zugänglich machen?

Zumal Amazon diesen Weg mit seinem Gesundheitsdienstleister Haven bereits vorgezeichnet hat. Partner bei diesem Projekt sind die US-Bank JPMorgan Chase und Berkshire Hathaway, die Investmentgesellschaft von Starinvestor Warren Buffet. Haven soll die Gesundheitsversorgung für die Beschäftigten der drei Unternehmen verbessern, unter anderem mit einer eigenen Krankenversicherung. Weitere Angebote beschreibt Haven noch recht wolkig: Sie sollen den Zugang zur medizinischen Grundversorgung einfacher sowie verschreibungspflichtige Medikamente „erschwinglicher“ machen, kündigte das Unternehmen an. Haven suche zudem nach „neuen Wegen, um mithilfe von Daten und Technologie das Gesundheitssystem insgesamt zu verbessern“. Später einmal sollen die Dienstleistungen nicht nur für die Beschäftigten der drei Unternehmen, sondern auch für andere verfügbar sein. Über Haven könnte Amazon somit zunächst im Kleinen testen, was der E-Commerce-Riese später groß ausrollt.

Eine gewichtige Rolle für die Pläne des Internetriesen im Gesundheitssektor dürfte künftig auch das Tochterunternehmen Amazon Web Services (AWS) spielen. AWS ist weltweit Marktführer unter den Cloud-Computing-Anbietern. 2018 hat das Unternehmen einen neuen Service vorgestellt, der unstrukturierte Patientendaten untersucht und daraus neue medizinische Erkenntnisse zutage fördern soll. Er soll Gesundheitsdienstleistern und Forschern helfen, schnell die passenden Behandlungen zu finden und so Geld zu sparen. Die Rechenpower und Speicherkapazitäten von AWS sollen sich auch für die Arbeit des Start-ups Grail auszahlen. Amazon hat sich eine Beteiligung an dem jungen Unternehmen gesichert, das frühzeitig Anzeichen für Krebs im Blut erkennen will. Für die Analysen sind enorme Kapazitäten zur Datenauswertung und zur Speicherung nötig – die AWS bereitstellt.

Möglicherweise wird das Tech-Unternehmen künftig auch als Labordienstleister tätig sein, vermuten die Analysten von CB Insights. AWS könnte jungen Unternehmen ermöglichen, Proben einzuschicken und dann ausgewertete Daten zu erhalten. „Das würde es den Unternehmen ermöglichen, die Geräte nur bei Bedarf in Anspruch zu nehmen, insbesondere in den frühen Stadien, in denen sie nur über wenig Kapital verfügen“, schreiben die Analysten von CB Insights.

Mit der Datenpower von AWS, der Erfahrung und Marktmacht im Onlinegeschäft und den mehreren Hundert Millionen Kunden wird Amazon somit zum gefährlichen Konkurrenten für Unternehmen in der Gesundheitsbranche. Für die Analysten von CB Insights läuft es somit auf eines hinaus: „Die Frage ist, ob Amazon seine Kundenmarke schneller im Gesundheitssektor aufbauen kann als bestehende Unternehmen aus dem Gesundheitswesen besser werden.“

DIE ZUKUNFT HAT LÄNGST BEGONNEN!

Amerikas große Tec-Konzerne mischen an entscheidender Stelle mit im Gesundheitssystem. Ende November 2018 machte Google Schlagzeilen: Seine Partnerschaft mit der Krankenhauskette und dem Versicherungsunternehmen Ascension in den USA erlaube dem Konzern, auf die Gesundheitsdaten von 50 Millionen Amerikanern zuzugreifen, berichteten Medien. Ende 2019 übernahm Google für 2,1 Milliarden Euro den Wearable-Hersteller Fitbit. Auch Apple stößt gezielt ins Gesundheitssystem vor, nicht nur mit seiner Apple Watch. Der iPhone-Hersteller arbeitet unter anderem mit Color zusammen, einem Gentestunternehmen, um seinen Mitarbeitern kostenlose genetische Vorsorgeuntersuchungen auf Krankheiten in den Gesundheitszentren des Technologieriesen vor Ort anzubieten.