Anzeige

Corona-Krise: Krankenhäuser vermissen politische Führung

Quelle: St. Vincenz-Krankenhaus GmbH Paderborn

Von Dr. Josef Düllings

Die Corona-Krise beschleunigt sich, der Virus breitet sich in Deutschland immer weiter aus. Damit Menschen, Organisationen und Gesellschaft nicht zu sehr zu Schaden kommen, ist jetzt vor allem eines gefragt: politische Führung. Dafür sind unsere Mandatsträger gewählt. Wer sonst sollte in einer Krise für alle Akteure die notwendigen Spielregeln festlegen und kontrollieren?

Genau diese Führung können wir aber nicht erkennen. Auf Bundes-, Landes- und Ortsebene laufen die Entscheider den Ereignissen hinterher, statt vorausschauend zu handeln. Es wird gesagt, dass jeden Tag neu entschieden werden muss. Dieses Mantra entpuppt sich als Hinterherlaufen. In den Krankenhäusern halten wir seit Wochen Krisensitzungen ab, mittlerweile täglich, um ein mögliches Systemversagen wie in Italien hier zu verhindern. Das können wir aber nicht alleine schaffen.

Die Rede der Bundeskanzlerin

Hier sind die Entscheider auf Bundes-, Landes- und Kreisebene gefragt. Die Rede der Bundeskanzlerin am 18. März war gut gemeint und auch gut gemacht, aber leider nur ein Appell –  keine Maßnahme und keine Führung. Ein wochenlanger, schmerzhafter Prozess steht Patienten, Beschäftigten, Kliniken und Wirtschaft nun bevor. Die Kanzlerin hat eine große Chance verspielt. Es braucht Führung! Appelle sind ein schlechtes Instrument, um zu führen, um echten Leadership zu zeigen. Als Führungskraft weiß ich, wovon ich rede. Die Kliniken werden den Mangel an politischer Führung ausbaden müssen.

Ich spreche als Präsident der Krankenhausdirektoren Deutschlands. Ich verstehe nicht, wie die Kanzlerin eine solche Rede halten kann, statt eine Entscheidung zu treffen. Ich erwarte von den Entscheidern auf Bundes-, Landes- und Kreisebene, dass sie die Krise nicht noch verstärken, sondern für Hilfe sorgen. Von der Bevölkerung kann man Einsichtsfähigkeit zu oft leider kaum erwarten.

Kaskade eines Staatsversagens?

Viel zu spät erkennt man auf Bundes-, Landes- und Kreisebene, dass das Kontaktverhalten der Bevölkerung eingeschränkt werden muss, um die sprunghafte Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Die Notwendigkeit lässt sich fast täglich am kontaktfreudigen Freizeit- und Reiseverhalten der Bürger bei schönem Sonnenschein erkennen.

Obwohl es mit zeitlichem Vorlauf Erfahrungen in China, Südkorea und Italien gibt, wird in Deutschland das Rad neu erfunden. Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Besuchern sollen abgesagt werden, hieß es zu zaghaft noch vor kurzem, statt sofort die nötige Reißleine zu ziehen, und auch kleinere Veranstaltungen zu untersagen. Erst danach wurde die Grenze nach unten korrigiert. Zurecht, aber zu spät!

Jetzt geht es um die nötige Ausgangssperre. Wir haben etwa ein bis zwei Wochen Vorlauf zu Italien. Ausgangssperre? Fehlanzeige. Weder die Bundes-, noch die Landes-, noch die Kreisebene halten sie – bis auf die Ausnahme im kleinen Mitterteich (und mittlerweile auch Freiburg, Anm. d. Red.) – bisher für angemessen. Argumentiert wird mit Zuständigkeiten. Derweil verstreich wertvolle Zeit, das Zeitfenster für wirkungsvolle Maßnahmen ist kurz, und es schließt sich. Man sollte nie vergessen: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Aufrüstung der Krankenhäuser? Auf China hat man geschaut und die Stirn gerunzelt. Wie lässt sich ein Krankenhaus in zwei Wochen hochziehen? Auch in diesem Punkt gibt es derzeit keinerlei verlässliche Regeln, wie Krankenhäuser ihre Kapazitäten steigern oder gar neue Gebäude für an Corona Erkrankte errichten oder bestehende umwidmen können. Es gibt Forderungen der Krankenhäuser, mündliche Zusagen der Politiker und die vorausschauende Aufrüstung der Krankenhäuser vor Ort, um Bilder wie in Italien zu vermeiden. Sterbende Menschen auf einer Pritsche vor der Intensivstation, weil zu wenig Beatmungsplätze verfügbar sind, wären ein Horror für Deutschland. Wenn die Politik nicht rasch handelt und konkrete Maßnahmen erlässt, so fürchte ich, gilt erneut: Zurecht, aber zu spät!

Das St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn, für das ich mitverantwortlich bin, wird seine Beatmungsplätze verdoppeln. Gleiches tun andere Krankenhäuser. Eine wirtschaftliche Absicherung dafür gibt es bislang nicht. Darüber wird auf Bundesebene noch verhandelt. Die Kassenseite fürchtet, es werde zu teuer. Aber die Krankenhäuser sind systemrelevant. Und diese Systemrelevanz wurde in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt. Wer Banken und Geld retten kann, der sollte doch auch Krankenhäuser und Menschen retten können! Immerhin: Um die Bertelsmänner und die Debatte über die Schließung der Hälfte der Krankenhäuser, wie im letzten Sommer noch vollmundig gefordert, ist es still geworden. Gut so. Einfach mal die Klappe halten!

Mehr als Hoffen

Wir hoffen, dass die Politik uns nicht im Stich lässt. Wir hoffen, dass wir nicht ins Messer laufen. Zurzeit handeln wir ohne Sicherheit. Uns geht es um unsere Patienten und um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nur eins wollen: Allen Patienten helfen, die uns brauchen. Dafür haben Ärzte und Pflegende ihren Beruf gewählt. Wir wollen niemanden unter erbärmlichen Umständen sterben sehen. Als Krankenhausgeschäftsführer appelliere ich an die politischen Entscheider: Stellen Sie sicher, dass die Helfer am Ende nicht ohne Hilfe dastehen und dass wir mit konsequenter politischer Führung aus dieser Krise herausfinden. Jetzt und zügig!

Dr. Josef Düllings ist Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands und Hauptgeschäftsführer des St. Vincenz-Krankenhaus Paderborn