Amboss schlägt Google

Amboss-Geschäftsführer: Dr. med. Madjid Salimi, Benedikt Hochkirchen, Dr. med. Nawid Salimi (von links)

Wenn es schnell gehen muss, können Mediziner nicht zum mehrteiligen Bücherband greifen. Stattdessen soll eine neue Suchmaschine Antworten liefern. Rund 200 Menschen haben sich zusammengetan, um Ärzte ad hoc mit schnellem Fachwissen zu versorgen – in der Aus- und Weiterbildung sowie im klinischen Alltag.

Von Jennifer Garic

Die Göttinger Medizinstudenten hatten schlicht die Schnauze voll. Beim gemeinsamen Lernen für ihre Prüfungen mussten sie, um eine Frage zu beantworten, jeweils in mehreren Büchern nachschlagen und die Antwort suchen. Wenn diese falsch war, hat ihnen kein Buch erklären können warum. Das muss doch anders gehen, dachten sich Kenan Hasan, Madjid Salimi und Sievert Weiss und gründeten im November 2011 die Plattform Miamed. Mittlerweile heißt ihr Unternehmen genau wie die dazugehörige Lernplattform: Amboss. Der Name steht nicht für den Schmiedeamboss, sondern für das gleichnamige Gehörknöchelchen im Mittelohr. Dieser bildet die Brücke zwischen Hammer und Steigbügel, zwei zweitere Knochen im Ohr von Säugetieren. Oder im Fall des Unternehmens: Die Lernplattform Amboss bringt einen vom sogenannten Hammerexamen zur betriebseigenen Jobplattform Steigbügel und ermöglicht so den Weg vom Studium zur Stelle als Arzt in einer Klinik oder Praxis.

Auf der Internetseite von Amboss oder über eine App für Tablets und Smartphones können Ärzte und Studenten Wissen nachschlagen. Für Studenten gibt es zusätzlich eine umfangreiche Lernplattform mit verschiedenen Tests und Probeexamen. Das System merkt sich, was der Student schon gut kann und was nicht, schlägt passende Lerneinheiten vor. Die dicken Wälzer im Regal könnten so bald ausgedient haben. Staub haben sie bei den meisten eh schon angesetzt, weiß Nawid Salimi. Der Arzt ist Geschäftsführer bei Amboss und seit Gründung dabei. Im Gespräch mit „Transformation Leader“ sagt er: „Wenn Ärzte im Stress sind und eine Diagnose stellen müssen, dann googlen sie oft, verlassen sich so im Zweifel auf ungeprüfte Quellen. Auch das wollen wir mit Amboss ändern.“

Kliniken, die mit dem Unternehmen kooperieren, müssen eine jährliche Gebühr zahlen. Je nach Größe der Klinik und Zahl der Ärzte kostet das laut Salimi eine fünf- oder sechsstellige Summe. Kliniken können zwischen einem Modell mit einzelnen Lizenzen oder einer Flatrate wählen. Mit der Amboss-Flatrate können alle Ärzte der Klinik jederzeit auf die Suchmaschine zugreifen und das Wissen auch auf dem Smartphone oder Tablet abrufen.

So wird das System integraler Bestandteil einer Corporate-Learning-Kultur, dient der steten Weiterbildung aller Kollegen. Bei Amboss können Ärzte zum Beispiel neben persönlichen Notizen auch welche für ihre Kollegen hinterlassen. Das können bestimmte Regeln von internen Abläufen oder Dienstzeiten und Rufnummern einer Station sein. Diese Anmerkungen sind nur für Kollegen aus der gleichen Klinik sichtbar.

Der jederzeitige Zugriff auf medizinisches Fachwissen ist besonders praktisch im Gespräch mit Patienten. Ärzte können so auf dem Tablet ihren Patienten beispielsweise direkt am Bett mithilfe der Amboss-Grafiken Diagnoseverfahren oder Eingriffe erklären. Das Tablet oder Smartphone muss dazu auch nicht online sein, Wissen ist über die App auch offline verfügbar. Das Unternehmen empfiehlt nur, mindestens einmal in der Woche die App zu aktualisieren, um nichts zu verpassen. 

Bisher setzen Ärzte an über 1.500 Klinikstandorten im deutschsprachigen Raum die Plattform bereits ein. Das entspricht laut Amboss jeder zweiten Klinik. An rund jeder zehnten deutschen Klinik können Ärzte kostenlos auf das Programm zugreifen. Zu den Kunden gehören auch große medizinische Fakultäten wie die Unikliniken in Köln, Hamburg und Mannheim, außerdem Partner wie die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin. „Da der Großteil unseres Teams und die drei Gründer Ärzte sind, ist das Vertrauen der Kliniken in uns und Amboss groß“, erklärt Salimi den Erfolg. Viel schwieriger sei es, Klinikleitungen von den Vorteilen eines digitalen Nachschlagewerks oder sogar vom Einsatz von Smartphones und Tablets zu überzeugen. „Manche Klinikleitungen sind der Meinung, es sehe unprofessionell aus, wenn ein Arzt auf dem Smartphone nachschlägt. Andere Kliniken wiederum stellen ihren Medizinern extra Tablets und Smartphones dafür zur Verfügung.“ Ob eine Kooperation zustande komme, liege also vielmehr daran, wie digital ein Krankenhaus arbeiten will und nicht an der Plattform selbst, sagt Salimi.

Hinter Amboss stecken insgesamt über 200 Mitarbeiter in Berlin, Köln und New York. 60 von ihnen sind Ärzte und Fachärzte. Sie erstellen gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern Texte und Illustrationen. Damit sich keine Fehler einschleichen, gibt es statt des gängigen Vier- sogar ein Acht-Augen-Prinzip. Neben medizinischem Fachwissen gibt die Redaktion auch Tipps zur Umsetzung einschlägiger Richtlinien in Kliniken.

Werbung oder gesponserte Inhalte gibt es bei Amboss nicht. Das Unternehmen finanziert sich derzeit ausschließlich über die Nutzer, also aus den Einnahmen von Klinik- und Campuslizenzen sowie Beiträgen von einzelnen Studenten und Ärzten, die nicht an einer Partnerklinik oder -uni arbeiten. Das reicht aber nicht aus, um Amboss weiter auszubauen, erzählt Salimi. „Um die Plattform technisch und inhaltlich weiterzuentwickeln, brauchen wir weitere Fachleute aus Medizin und Softwareentwicklung. Das Budget für dieses Wachstum kommt von unseren Investoren.“ In der vergangenen Finanzierungsrunde hat das Unternehmen laut eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag eingebracht. Zu den größten Geldgebern zählen die Investmentplattform Partech und der Wagniskapitalgeber Target Global. Zuvor hatte auch schon die Digitalsparte der Verlagsgruppe Holtzbrinck investiert.

Nach ihrem Erfolg im deutschsprachigen Raum wollen die Mediziner auch international durchstarten. Dazu erstellt die Redaktion auch englische Lerninhalte. Aktuell hat Amboss bereits rund 500.000 Nutzer weltweit, etwas mehr als die Hälfte stammt von außerhalb des deutschsprachigen Raums. Im Ausland kooperieren bereits mehrere medizinische Fakultäten mit den deutschen Medizinern. Die Studenten der renommierten New York University School of Medicine (NYU) beispielsweise lernen bereits mit Amboss. Für den Klinikeinsatz im englischsprachigen Ausland sei Amboss allerdings noch nicht geeignet, sagt Salimi.

Neben dem internationalen Markt will das Unternehmen auch das deutsche Angebot weiter ausbauen. „Wir sind zunächst mit den großen Bereichen der Allgemein- und Inneren Medizin gestartet, also dem, was jeder ange-
hende Arzt unabhängig von seiner Fachrichtung lernen muss“, sagt Salimi. Mittlerweile gibt es auch umfangreiches Lernmaterial für viele angehende Fachärzte. Als nächstes sollen Kurse für die Facharztprüfung in Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Gynäkologie online gehen, verrät Salimi.

Der Weiterentwicklung von Amboss liegt ein großes Ziel zugrunde: „Wir wollen die Gesundheitsversorgung verbessern“, sagt Salimi. „Wenn Ärzte besser ausgebildet sind und optimale Nachschlagewerke haben, lassen sich Krankheiten nicht nur schneller, sondern auch präziser diagnostizieren und behandeln.“ So könnte Amboss die Klinikbranche revolutionieren.  

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