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Akademisierung als Chance für die Pflege

Mehr Pflegepersonal lässt sich nur gewinnen, wenn der Pflegeberuf attraktiver wird, mit Perspektiven für Aufstieg und Karriere. Akademisierung ist ein Weg dabei. Das nutzt vor allem auch den Patienten. In Deutschland fehlt dafür jedoch eine Strategie.

Von Karoline Schoknecht

Die steigenden Herausforderungen im deutschen Gesundheitssystem, die größtenteils aus dem demografischen Wandel resultieren, erfordern ein zukunftsfähiges Pflegefachkräftemanagement. Durch die Veränderung der Altersstruktur in Deutschland steigt zum einen der Bedarf an Pflegefachkräften und zum anderen stehen dem Arbeitsmarkt weniger Personalressourcen zur Verfügung. Zusätzlich verändert sich das Krankheitsspektrum. Ein wachsender Anteil multimorbider Patienten stellt veränderte Anforderungen an eine bevölkerungsorientierte Versorgung. Nötig sind neue Strategien, um in quantitativer und qualitativer Hinsicht die Versorgung durch Pflegefachkräfte sicherstellen zu können. Insbesondere die komplexer werdenden Anforderungen infolge der Fortschritte in Medizin und Technik erfordern qualifiziertes Personal.

Ein Lösungsansatz ist das international bewährte Modell Advanced Nursing Practice, das Pflegefachkräfte mit einem Masterabschluss in die direkte Versorgung integriert. Viele Länder, wie die Niederlande, die USA, Australien, Finnland und Großbritannien, haben die hochqualifizierte Berufsgruppe bereits in der Gesundheitsversorgung etabliert.

Deutschland liegt im internationalen Vergleich sowohl in der Akademisierung des Pflegefachkräftepersonals als auch in der Etablierung der Advanced Practice Nurses (APN) weit zurück. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern existiert in Deutschland noch immer eine klassische berufliche Pflegeausbildung. Zwar wird vom Wissenschaftsrat ein Anteil von 10 bis 20 Prozent akademisch qualifizierter Personen jeder Berufsgruppe empfohlen, doch im Pflegesektor wird diese Quote längst nicht erfüllt. In Deutschland verfügen nur etwa 1,7 Prozent der Pflegefachpersonen über einen akademischen Abschluss.

In der Anfangsphase der deutschen Etablierung von APN werden zum jetzigen Zeitpunkt vereinzelt Studiengänge angeboten und die Berufsgruppe wird stellenweise in der Versorgung eingesetzt. Beispielsweise arbeiten APN an der Medizinischen Hochschule Hannover, an den Universitätskliniken Freiburg und Bonn oder am Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf. Im deutschsprachigen Raum hat man sich auf die Berufsbezeichnung „Pflegeexperte APN“ geeinigt. Die Berufsgruppe arbeitet an der Schnittstelle zwischen traditioneller Pflege und medizinischen Berufen. Während in vielen Ländern APN ärztliche Tätigkeiten übernehmen, wie die Verordnung von Medikamenten, die Diagnosestellung und Behandlungsentscheidungen, wird dies in Deutschland kritisiert.

Doch in Zeiten eines Fachkräftemangels in der Pflege und einer älter werdenden Bevölkerung wird kaum ein Weg daran vorbeiführen, dass APN auch hierzulande pflegewissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis transferieren, sodass die Patientenversorgung qualitativ aufgewertet wird. Die Eigenständigkeit der Profession Pflege muss gestärkt werden, und APN sollen ihre Kompetenzen als Berater oder bei ethischen Entscheidungsfindungen einbringen.


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Im Rahmen einer Forschungsarbeit an der Medizinischen Hochschule Hannover wurden die Einstellungen zur Einführung des Modells in Deutschland auf verschiedenen Systemebenen im Gesundheitssystem überprüft. Dies erfolgte über Interviews mit Vertretern relevanter Berufsverbände und Pflegenden sowie einer praktizierenden APN aus einem deutschen Universitätsklinikum.

Aus den Ergebnissen wird deutlich, dass die bisherigen Studiengänge der Pflege schwerpunktmäßig die Bereiche der Pädagogik oder das Management thematisieren. Das bewirkt, dass sich die Absolventen aus der direkten Pflegepraxis tendenziell entfernen. Mit der Einführung der Pflegeexperten APN wird jedoch eine Möglichkeit geschaffen, wissenschaftliche Kompetenzprofile in die direkte Patientenversorgung zu implementieren. Damit profitieren Patienten und Berufsangehörige von der wissenschaftlichen Qualifizierung. Aus diesem Grund wird die Einführung des Modells von allen Befragten befürwortet und sie sehen vielfältige Einsatzmöglichkeiten im Gesundheitssystem, die sowohl den ambulanten als auch stationären Sektor umfassen.

Aufgrund der steigenden Anforderungen sehen alle Befragten einen deutlichen Bedarf für die Etablierung des Modells in Deutschland, auch um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Pflegekräfte berichten, dass bereits zum jetzigen Zeitpunkt teilweise Tätigkeiten einer erweiterten Pflegepraxis durchgeführt werden und dass sie motiviert sind, sich dementsprechend zu qualifizieren. Die Einführung kann in Deutschland einen Beitrag zum Fachkräftemangel leisten, indem Anreize zur Personalbeschaffung, -bindung und -weiterentwicklung gesetzt werden. Im Rahmen der Akademisierung ergeben sich Karrierechancen für Pflegefachkräfte, die zugleich mit zunehmender Wertschätzung aus der Gesellschaft einhergehen. Außerdem weitet sich die Handlungsautonomie von APN aus, sodass Pflegende zufriedenstellende Arbeitsbedingungen erhalten. Diese Attraktivitätssteigerung und Aufwertung des Pflegeberufes führt möglicherweise dazu, dass Pflegende im Beruf bleiben und der Anteil an Teilzeitarbeitern reduziert werden kann. Des Weiteren ergeben sich Vorteile in der interdisziplinären Zusammenarbeit der Berufsgruppen, insbesondere mit den Ärzten, da ein fester und kompetenter Ansprechpartner auf Augenhöhe am Versorgungsprozess beteiligt ist. Der Einsatz von APN wird dazu beitragen, Erkenntnisse aus der Theorie und der wissenschaftlichen Pflegeforschung rascher in die Praxis zu transferieren. Das wiederum wäre im Sinn der Patienten und triebe eine Optimierung der Versorgung voran. Das bedeutet aber auch, dass für studierte Pflegefachkräfte die Entgeltstrukturen entsprechend angepasst werden, sprich: Die formal höhere Qualifizierung muss sich in einer höheren Bezahlung spiegeln.

Internationale Studien zeigen, dass die Einführung der Berufsgruppe der APN positive Effekte für Patienten und Pflegende hat, die ebenso in Deutschland zu erwarten sind. Beispielsweise bewirken umfassendere Beratungsangebote, dass die Zufriedenheit der Patienten steigt und Mortalitätsraten sinken. Zusätzlich führt der Einsatz von APN in der ambulanten Versorgung zu einer Reduktion der Krankenhauseinweisungen und zu einer verbesserten Prävention und Gesundheitsförderung. Der Einsatz der spezialisierten Berufsgruppe resultiert in einer nachhaltigen, breiten und zukunftsorientierten Versorgung.

Insgesamt schätzen die Befragten das Modell ANP auch in Deutschland als vielversprechende Qualifizierungsmöglichkeit ein. Die Berufsverbände der Pflege unterstützen die Einführung bereits. Die in der Studie befragten APN bestätigen die positiven Effekte durch ihre Erfahrungen in der Praxis.

Zur erfolgreichen Etablierung ist allerdings ein strategisches Vorgehen empfehlenswert, das insbesondere von politischen Akteuren und Krankenhausmanagern zwingend unterstützt werden muss. Bisher liegt keine konkrete Strategie zur Einführung vor, da das Modell APN bei gesundheitspolitischen Diskussionen nur selten thematisiert wird. Das sollte sich dringend ändern, denn die dargestellten Vorteile infolge der Etablierung der Pflegeexperten APN unterstreichen den Mehrwert für das deutsche Gesundheitssystem. Das zukunftsorientierte Modell bietet sowohl für Patienten, Pflegende und weitere Berufsgruppen Chancen und sollte deshalb zukünftig vermehrt Berücksichtigung finden.

Karoline Schoknecht arbeitet als Pflegedienstleitung an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Der vorliegende Beitrag ist Ergebnis ihrer Masterarbeit im Bereich Public Health. Die gesamte Arbeit können Interessierte unter folgender E-Mail anfordern: info@transformationsleader.de